Hypnose als Verhalten



Die meisten Artikel über Hypnose beginnen mit „Hypnose ist ein Zustand, in welchem ...“ und dann folgen die Ansichten des Verfassers, was denn Hypnose nun sei.
Wenn jemand ein Buch mit einem Titel wie „Manipulieren mit Hypnose“ vertreibt, steht in solch einer Erlärung dann oft ziemlich genau das Gegenteil dessen, was wir auf der Seite z.B. eines Hypnotherapeuten lesen.
Erklärt ist nach der Lektüre viel, geklärt nur wenig. Ein bisschen heller wird es auf der Hypnose–Couch aber, wenn wir das ganze einmal unter einem anderen Aspekt betrachten: Hypnose als eine Verhaltensweise.

Menschliche Verhaltensweisen sind zu einem kleinen Teil angeboren und zum großen Teil erlernt.
Hypnose – im Sinne der Fähigkeit, sich in Trance zu begeben – ist angeboren. Jeder kann es, jeder tut es.
Ein Hypnotiseur ist folglich gar niemand, der „hypnotisiert“ sondern jemand, der dazu auffordert, in Trance zu gehen und der weiß, wie er günstige Voraussetzungen dafür schaffen kann. Wobei letzteres manchmal bereits ausreichend ist.
Welche sind also die Voraussetzungen, unter denen ein Mensch gerne in Trance geht?
Häufig ist es Langeweile. Ja, richtig gelesen, Langeweile.
Denn langweilig kann einem nur sein, wenn man sich erstens in großer Sicherheit wähnt und zweitens gedanklich und emotional keine harten Nüsse geknackt werden müssen. Dann driften wir schon gerne mal in einen Tagtraum und vergessen den Rest der Welt, sind in Trance. (Je mehr wir vom Rest der Welt zu vergessen bereit sind, desto „tiefer“ ist die Trance.)
Und auch der Hypnotiseur in der Disco tut oft nichts anderes, als das Publikum mit monotoner Musik und meist genauso monotonem Gequassel zu langweilen, bis genug Leute In Trance gegangen sind und seinen Aufforderungen zu noch tieferer Trance und irgendwelchen Spielchen Folge leisten.
Analog dazu, kann auch der Tanz von Buschmännern um das Feuer bei anhaltendem Getrommel betrachtet werden. Die Monotonie erzeugt ein Gefühl von Sicherheit (die es in Wirklichkeit nicht gibt, am wenigsten für einen, der im Busch lebt) und das Aussetzen anderer Anforderungen erlaubt es dem eingeborenen Trancegänger, innere Abläufe, und (religiöse) Vorstellungen in den Fokus seiner Betrachtung und seines Handelns zu stellen.

Der zweite Umstand, der eine Trance begünstigt ist paradoxerweise das Gegenteil von Sicherheit. Denn in Momenten größter Gefahr kann es sehr hilfreich sein, viel vom Rest der Welt zu vergessen, um handlungs– und überlebensfähig zu sein. Zum Beispiel auch den eigenen Schmerz. Hier entsteht die Trance also aus Notwendigkeit anstatt aus dem Luxus der Sicherheit bzw. Langeweile heraus.

Als dritter Umstand, der eine Trance begünstigt ist die Konfusion zu nennen. Ein Moment, in dem der Mensch nach einer Einschätzung der Situation sucht, die er nicht spontan einordnen kann. Versteht es ein Hypnotiseur, diesen Moment von Konfusion zu erzeugen und sofort zu nutzen (durch geeignete Suggestionen), ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass sich bei seinem „Opfer“ eine Trance einstellt.

Als vierten und letzten Punkt möchte ich wiederum das Gegenteil von Konfusion erwähnen, nämlich die Erwartung. Wird einem Menschen, der in Trance gehen möchte gesagt, dass er das auch gleich tun wird, bedarf es nur noch eines kleinen Rituals – wie das berühmte Finger-schnippen – und der Hypnotisand kann leicht dahin driften.

Mit diesen zwei Gegensatzpaaren (Ausnahmezustand⇔Sicherheit und Konfusion⇔gespannte Erwartung) sind, wie mir scheint, die wesentlichen eine Trance begünstigenden Umstände – wenn auch nur grob – skizziert. Auch Kombinationen sind natürlich an der Tagesordung. Ob ein Mensch unter solchen Bedingungen dann aber auch tatsächlich in Trance geht, hängt noch ganz wesentlich von Dingen ab, die im Unbewussten des Betreffenden wohnen. Eine Garantie gibt es für den Hypnotiseur nicht.